| Plattdeutsch und die Bibel |
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Die Bibel auf PlautdietschVon Andreas Holzhausen Welches ist der am weitesten verbreitete deutsche Dialekt? Hat man nur Deutschland im Blick, so würde man wohl Schwäbisch oder Bayrisch vermuten. Aber das wäre zu klein gedacht. Denn da gibt es einen Dialekt, der in so weit entlegenen Ländern wie Kasachstan, Kirgisistan, Sibirien, an der Wolga, in Nordamerika, Belize, Paraguay, Bolivien und Argentinien gesprochen wird: Plautdietsch. Allerdings ist es nicht ganz korrekt, von einem Dialekt zu sprechen. Plautdietsch ist durchweg die Muttersprache von Menschen, die daneben nicht Hochdeutsch beherrschen, sondern eher Russisch, Englisch oder Spanisch. Es ist die Sprache der mennonitischen Siedlungen, die zurückgehen auf Auswanderer, die Deutschland vor über 400 Jahren verlassen haben. Damals wurden die Mennoniten als „Wiedertäufer“ sowohl in den katholischen als auch den evangelischen Ländern Europas bedrängt und verfolgt. Viele von ihnen verließen ihre Heimat in Holland und Deutschland und siedelten sich zunächst unter dem Schutz des liberalen Preußen in der Gegend um das Weichseldelta im damaligen Westpreußen an. Mit der Zeit übernahmen sie auch den niederdeutschen Dialekt der dortigen Bevölkerung. Ihre Gottesdienste gestalteten sie allerdings mit der Luther-Bibel, und Luther-Deutsch wurde auch die Sprache, in der man betete und predigte. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts lud die russische Zarin Katharina die Große auswanderungswillige Deutsche ein, neu eroberte Gebiete am Djnepr in der Ukraine urbar zu machen und zu besiedeln. Ihnen wurde Religionsfreiheit und großzügige Landzuteilung versprochen. Tausende der Mennoniten in Westpreußen folgten der Einladung und zogen von der Weichsel an den Dnjepr. Da sie in geschlossenen Siedlungen unter sich blieben, behielten sie auch ihre plautdietsche Sprache bei und bildeten Sprachinseln in ihrer russischen Umgebung. Nach und nach gründeten sie noch weitere Kolonien in anderen Gegenden Russlands. Ende des 19. Jahrhunderts machten sich viele erneut auf den Weg, diesmal nach Amerika. Weitere folgten nach der russischen Revolution. In den Weiten Kanadas und der USA fanden sie Raum genug für neue Siedlungen. Aber auch Mexiko, Bolivien, Paraguay und Argentinien boten den Mennoniten Gelegenheiten, sich anzusiedeln. Plautdietsch blieb auch auf den Siedlungen in Amerika ihre Muttersprache. Fachleute schätzen, dass weltweit etwa 400.000 Menschen Plautdietsch als Mutter- oder Zweitsprache sprechen. Ein Ausweg bot sich in den 1980er Jahren an, als die Bundesrepublik die Umsiedlung nach Deutschland ermöglichte. Ein großer Teil der Deutschstämmigen aus der ehemaligen Sowjetunion hat inzwischen den Weg zurück nach Deutschland gewählt und hier in der „alten Heimat“ eine neue Heimat gefunden. Im Ursprungsland Westpreußen, das heute zu Polen gehört, wird Plautdietsch schon lange nicht mehr gesprochen. Aber mit der Umsiedlung der Russlanddeutschen ist es als Sprache wieder nach Deutschland zurückgekehrt und bereichert hier die Vielfalt der niederdeutschen Dialekte. Allerdings ist trotz der Sprachverwandschaft eine Verständigung etwa der Russlanddeutschen im Bielefelder Raum mit ihren westfälischen Nachbarn nur bruchstückhaft möglich. Bei weitem nicht alle Russlanddeutschen bezeichnen sich heute als Mennoniten, und sie sprechen auch nicht alle Plautdietsch. Schätzungen gehen von bis zu 200.000 Plautdietsch-sprachigen Russlanddeutschen in der Bundesrepublik aus. Sie leben hier zwar nicht mehr in geschlossenen Siedlungen wie in Amerika und Russland, aber viele sind zusammengeblieben und haben sich in bestimmten Städten oder Gegenden angesiedelt. In vielen Orten haben sie unabhängige Gemeinden gegründet, anderswo sich Baptisten- oder Brüdergemeinden angeschlossen. Fast die Hälfte von ihnen haben keine Bindung an den christlichen Glauben. Aber zumindest die Angehörigen der älteren Generation sprechen zu Hause und untereinander Plautdietsch. Ob die junge Generation die Sprache ihrer Vorfahren weiter beibehält, ist allerdings fraglich. Bei zunehmender Integration gewinnt eben das Hochdeutsch. In den Kolonien in Übersee besteht diese Gefahr allerdings nicht, dort gehört Plautdietsch nach wie vor zur mennonitischen Identität und wird weiter gepflegt. Plautdietsch ist also eine eigentümliche Weltsprache. Sie wird zwar nicht von einem eigenständigen Volk gesprochen, verbindet aber doch Menschen gleicher Abstammung und meist auch gleicher kultureller und religiöser Prägung. Da in ihrem Leben die Bibel eine wichtige Rolle spielt, kam vor einigen Jahren der Wunsch auf, eine Bibelübersetzung in Angriff zu nehmen. Die Sprache der im Gottesdienst benutzten alten Lutherbibel ist ja für die Bewohner in den Kolonien in Russland und Amerika keine lebendige Alltagssprache, sondern eine tote Kirchensprache ohne Bezug zum täglichen Leben. So fand sich eine Gruppe von Plautdietsch-Mennoniten aus verschiedenen Kolonien in Kanada, Mexiko und Paraguay als Übersetzerteam zusammen. Mitarbeiter von Wycliff Kanada und der kanadischen Bibelgesellschaft halfen als Berater. Das Neue Testament wurde schon 1987 veröffentlicht. Im vergangenen November konnte nun in Festgottesdiensten in mennonitischen Gemeinden in Manitoba, Kanada, die ganze Bibel vorgestellt werden. Hart Wiens, Vertreter der kanadischen Bibelgesellschaft und selber Plautdietsch-Sprecher, meinte beim Festgottesdienst: „Uns wurde immer gesagt, unsere Sprache könnte man nicht schreiben, und sie sei zu grob für das Gebet oder die Bibel. Es ist so schön, die Bibel jetzt in unserer Muttersprache zu sehen. Nun kann das Wort Gottes eine Heimat finden in den Herzen und im Leben der Menschen, die am liebsten Plautdietsch sprechen!“ Die Bücher werden einen weiten Weg haben, um die meist abgelegenen Siedlungen der Plautdietsch-Mennoniten in der ganzen Welt zu erreichen. Aber wie sagte doch Jesus einmal: „Un velot junt doaropp, ekj sie emma bie junt, batem Enj von de Welt!“ Wenn Sie sich für die Bibel oder andere Literatur auf Plautdietsch interessieren, wenden Sie sich an den Verein Plautdietsch-Freunde, Robert-Hanning-Str. 14, 33813 Oerlinghausen. Dort wird auch eine plautdietsche Zeitschrift, der "Plautdietsch Frind" herausgegeben. Auf der WebSite www.plautdietsch-freunde.de finden Sie weitere Informationen. Psalm 23, 1-4 auf Plautdietsch: |

